Kein gerader. Kein geplanter. Aber meiner.
Ich habe lange funktioniert, und eben das war das Problem. Ich habe Verantwortung getragen, aufgebaut und entschieden, und je besser das lief, desto mehr habe ich übernommen, bis ich von außen stabil wirkte und innen längst enger geworden war. Wenn das Funktionieren gut genug ist, merkt man lange nicht, was es einen kostet.
Irgendwann hält es nicht mehr, und meistens kündigt sich das in vielen kleinen Rissen an statt mit einem großen Knall: Projekte kippen, die Nächte werden unruhig, und Entscheidungen, an denen viel hängt, fühlen sich auf einmal nicht mehr klar an. Das Schlimmste daran ist das Gefühl, dass noch mehr Einsatz es auch nicht löst und dass dieser Einsatz trotzdem das Einzige bleibt, was man noch versucht.
Mein Weg war nie gerade. Aufgewachsen bin ich im Vogtland, mit sieben Tagen Karate die Woche, und weil alle meine Freunde im Dojo waren, drehte sich das ganze Leben um den Sport. Disziplin war also nie mein Problem. Polizist wollte ich werden, doch die Brille kam dazwischen, und so wurde es eine IT-Lehre mit Druckern und Kopierern. Noch in der Lehre bin ich zum Werkstattleiter aufgestiegen und danach zum technischen Leiter: Anfang zwanzig, mit einem Team von fünfzehn Leuten und keinem einzigen Tag Führungserfahrung. Technisch war ich besser als alle anderen, aber führen konnte ich nicht, und entsprechend oft ging es schief. Ich habe es trotzdem gemacht.
Danach kam die Bundeswehr. Ich wollte unbedingt zu den Feldjägern und habe meinen Wehrdienst dafür freiwillig verlängert, auf zwölf Monate statt der neun, die ich hätte ableisten müssen, mit dem Plan im Hinterkopf, mich aus der Truppe heraus als Zeit- und später Berufssoldat zu bewerben. Solange es einen Auftrag gab, war ich voll da, aber den größten Teil der Zeit gab es keinen, und dieser Leerlauf hat mich fertiggemacht. Ein ganzes Jahr totzuschlagen habe ich nur ausgehalten, indem ich es mit Seminaren, Büchern und Sport vollgestopft habe, einfach um nicht stillzustehen. Da habe ich zum ersten Mal gespürt, was sich später durch alles ziehen sollte: Solange ich tun, bauen und lernen kann, läuft es bei mir, und es ist der Stillstand, der mich umbringt.
Als ich zurückkam, lag die Kündigung auf dem Tisch. Ich dachte, jung und gut ausgebildet wie ich war, würde sich das schon regeln, aber zunächst regelte sich gar nichts: neun Monate ohne Arbeit, in einer Region, in der es kaum etwas gab. Also habe ich an der Tür gearbeitet, in der Kneipe ausgeholfen, Nachhilfe und Selbstverteidigungskurse gegeben, alles, was irgendwie Geld brachte, bis ein Kollege den Satz sagte, der den Ausschlag gab: Hättest du studiert, egal was, könntest du morgen bei mir anfangen.
Also habe ich studiert. Zuerst ein Jahr Fachoberschule im Schnelldurchlauf, komplett selbst finanziert, sodass nur die Wahl zwischen Schule und Arbeit blieb und ich irgendwo dazwischen geschlafen habe. Dann bin ich nach Magdeburg gezogen und habe alles zurückgelassen, die Freunde, die Familie, das Dojo. Wirtschaftsingenieur, mit Stipendium und neben mehreren Jobs, die ersten Semester fast mit Einser-Schnitt, und trotzdem das Gefühl, dass es nicht passt. Eine Studienberaterin hat es auf den Punkt gebracht, als sie sinngemäß sagte, wenn ich so gut sei, solle ich ruhig mal eine Drei schreiben und dafür ein bisschen leben. Das habe ich gemacht, die Noten blieben gut, und ich kam zum ersten Mal seit Jahren wieder bei mir an.
In dieser Zeit kam auch die erste echte Krise. Sie war weder finanziell noch beruflich: Sie kam aus meiner damaligen Beziehung und traf mich ausgerechnet dort, wo ich mich immer am stärksten gefühlt hatte, beim Karate. Mitten im Training spürte ich, dass ich nicht mehr weitermachen konnte, als hätte ich nicht mehr genug Energie, um meinen eigenen Körper zu steuern, und ich wusste mit voller Sicherheit, dass mir Bänder, Sehnen oder Muskeln reißen würden, wenn ich jetzt nicht sofort aufhöre. Danach habe ich mir zum ersten Mal Hilfe von außen gesucht und mich durch mehrere Anlaufstellen probiert, bis mir schließlich Paul Otte helfen konnte. Damals war das nur Hilfe in der Not, heute weiß ich, dass dort die eigentliche Reise begonnen hat.
Der Punkt, an dem ich schließlich ankam, war so simpel wie unangenehm: Ich war selbst Teil des Problems. Die Muster kamen von mir, nicht vom Job, von den Menschen oder vom Umfeld, und solange das nicht klar ist, wiederholt sich alles: neuer Job, gleiche Dynamik, neue Entscheidung, gleiche Schleife.
Ich habe es mir danach selbst noch einmal vorgeführt. Nach dem Franchise brauchte ich erst wieder Sicherheit und nahm eine gut bezahlte Festanstellung an, die ich vom ersten Tag an hasste. Mein Team mochte, dass ich mir nichts gefallen ließ und gegenhielt, wenn Anweisungen von oben Unsinn waren, aber das mochte mein Chef gar nicht. Beim nächsten Anlauf, in einem ganz neuen Feld, kam wieder dasselbe Feedback, wie erstaunlich schnell ich das lerne, und damit auch wieder dasselbe Muster: Ich kann das, aber es ist nicht meins. In einem Zenkloster saß ich dann stundenlang in Stille und wusste, dass es das nicht ist und dass ich mich gerade schon wieder verkaufe.
Auf einem der letzten Trainings sagte Marc Pletzer fast nebenbei einen Satz, der saß: Was, wenn du auch das loslassen musst, was dir am meisten bedeutet — deine Familie? Ich hatte mein ganzes Leben um die Sicherheit herum gebaut, und nun sollte ich ausgerechnet das loslassen.
Es war kein dramatischer Tiefpunkt mit großer Erkenntnis am Morgen danach. Ich fiel in ein Loch, und diesmal war niemand da, der mir helfen konnte; die Coachings, die ich bekam, waren Symptombekämpfung, und keiner ging mit mir in die Tiefe, die es gebraucht hätte. Es war eher der Moment, in dem die alten Strategien aufgehört haben zu funktionieren und ich aufgehört habe, so zu tun, als täten sie es noch. Das Schwert hatte ich längst beiseitegelegt, und jetzt fiel auch die Rüstung: Samurai-Zopf ab, Bart ab, sodass mein Handy mich nicht mehr erkannte. Ich saß mit meiner Frau am Tisch und sagte das Einfachste und zugleich Schwerste, was ich sagen konnte: Hier bin ich, das bin ich.
Heute begleite ich Menschen, die im Außen funktionieren und im Innen merken, dass etwas nicht mehr passt: Menschen, die Entscheidungen treffen müssen und nicht sicher sind, ob sie gerade klar sind oder nur alte Muster abspulen, und die irgendwann bemerken, dass sie sich selbst unterwegs liegen gelassen haben.
Ich kenne dieses Wegorganisieren aus eigener Erfahrung, die saubere Fassade, den vollen Kalender, die nächste Aufgabe und den nächsten Plan, und gerade deshalb beeindruckt mich reines Funktionieren nicht besonders. Es kann Stärke sein, aber es kann genauso gut die eleganteste Form sein, sich selbst auszuweichen.
Den Weg, den ich heute Klarheitswanderer nenne, bin ich längst gegangen, bevor er einen Namen hatte: im Werk, im Freundeskreis, überall, wo jemand nicht mehr weiterwusste, und irgendwann habe ich dem Ding nur einen Namen gegeben. Schon im Werk kamen junge Leute zu mir, die weiterwollten und nicht wussten, wohin, und einer von ihnen hatte sich fest auf die Techniker-Ausbildung eingeschossen. Wir haben gemeinsam sortiert, was er eigentlich will, und am Ende hat er studiert. Später sagte er, ich hätte ihm den Weg gewiesen, aber das stimmt nur halb, denn ich habe lediglich Fragen gestellt, bis er ihn selbst gesehen hat.
Fertige Lösungen gebe ich nicht, weil sie nichts bringen. Stattdessen stelle ich Fragen, halte es aus, wenn es unbequem wird, und spreche aus, was im Raum steht, auch wenn es gerade nicht passt. Klarheit ist bei mir nie am Schreibtisch entstanden, sondern in Bewegung, beim Gehen, beim Tun und beim Sortieren. Verstanden habe ich immer erst, während ich schon unterwegs war. Daher der Name.
Ich bin Wirtschaftsingenieur (M.A.) und habe über 15 Jahre in der Industrie gearbeitet, zuletzt als Head of Operations mit rund 200 Mitarbeitenden in drei Werken im Schichtbetrieb, mitten in Stilllegung und Neuaufstellung. Davor habe ich die Schließung eines Konzernstandorts begleitet und die operative Verantwortung bis zum letzten Produktionstag getragen. Druck kenne ich also nicht aus Büchern, sondern weil ich ihn selbst getragen habe.
Seit 2019 begleite ich mit effectum solutions Führungskräfte und Teams durch genau die Phasen, die ich selbst hinter mir habe, und dahinter steht eine solide Ausbildung: NLP Practitioner, Master und Coach (Society of NLP, Richard Bandler), Hypno-Coach, Kommunikationstrainer und Kommunikationstrainer Advanced, dazu Hypnose- und Mentalarbeit sowie über 25 Jahre Kampfsport und Selbstführung. Außerdem bin ich ehrenamtlicher Richter am Arbeitsgericht. Am Ende zählt weniger die Liste als das, was sie bedeutet: dass ich weiß, wovon ich rede.
Ein Zeichen begleitet mich schon länger als der Name Klarheitswanderer, und das ist das Enso, der Kreis aus einem einzigen Pinselstrich aus dem Zen. Du setzt ihn in einem Zug, oder du setzt ihn nicht, denn korrigieren lässt er sich nicht mehr. Ein perfekter Kreis versteckt die Hand, die ihn gezogen hat, während das Enso sie zeigt: offen, unperfekt und deshalb vollständig.
Gelingen kann dieser Strich nur aus Mushin heraus, aus dem, was der Zen No-Mind nennt: völlige Präsenz im Moment, ohne Ego, ohne Angst, ohne Grübeln. Das kenne ich aus über 25 Jahren Kampfsport, nicht aus Büchern. Im Kampf gibt es keine Zeit zum Nachdenken, denn sobald der Kopf dazwischenfunkt, ist die Bewegung schon zu spät; im Fluss bleibt nur, wer weder zögert noch hängenbleibt. Dasselbe steckt im Kreis: eine einzige, klare Bewegung ohne Korrektur. Außen der Kreis, in der Mitte die Stille.
Ein Marketing-Einfall war das nie, denn das Zeichen hat mich angesprochen, lange bevor es überhaupt ein Logo wurde. Ich trage es auf der Haut, umrundet von den Morsezeichen für this too shall pass. Auch das geht vorbei, die guten Phasen wie die schlechten, und weder eine Rolle noch ein Status, weder ein Schmerz noch ein Erfolg bleibt für immer. Nach den Jahren, die hinter mir liegen, ist das für mich Erfahrung geworden, kein Spruch.